Die neue Geschichte ist da!

Folge 6: Venedig, und wie ich mich zum blinden Passagier machte

 

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Illustration: Michèle Rutyna

Hallo Leute!

Jetzt standen wir also auf dem Campingplatz in Venedig. Wobei „in“ Venedig ja eigentlich nie stimmt. Wart ihr schon einmal in Venedig? Dann ist euch sicher aufgefallen, dass man dort über jede Menge Brücken gehen muss. Wenn ihr die seht, werdet ihr wahrscheinlich glauben, dass es keine Stadt der Welt gibt, die mehr Brücken hat. Ein riesengroßer Irrtum übrigens. Es gibt viele Städte, die mehr Wasserübergänge haben als Venedig mit seinen 426. Diese werden allerdings nur im historischen, also im ganz alten Teil der Stadt gezählt, und der ist ja im Vergleich zu anderen Städten nicht soooo groß. Falls es euch interessiert: Hamburg hat zum Beispiel 2496 Brücken. Aber dass dabei allein 517 Eisenbahnbrücken mitgezählt sind, zeigt, dass das in Wahrheit alles Papperlapapp ist.

Kasi 6.8Warum also hat Venedig so viele Brücken auf so engem Raum? Weil die Stadt auf 118 Inseln erbaut wurde. Viele von ihnen sind ganz klein, und daher braucht es zahlreiche Übergänge, oft nur, um von einer Insel, auf der bloß ein paar Häuser stehen, zur nächsten zu kommen. Und daher ist es auch nicht ganz einfach „in“ Venedig zu sagen, wenn man in Wahrheit am Festland steht, das auch teilweise zu Venedig gehört und von wo man mit einem Boot ins Zentrum der Stadt fahren muss.

Wobei das ja auch so eine Sache ist, wenn ich „man“ sage. In Wahrheit bezieht sich das „man“ auf Menschen. Und nicht auf Kobolde. Aber könnt ihr euch vorstellen, wie langweilig es ist, fast allein auf einem Campingplatz zu stehen? Ich meine, ganz allein ist man natürlich nie und ab und zu steht da schon auch eine sehr hübsche Wohnmobeline neben mir – darüber erzähle ich euch aber ein anderes Mal mehr. Aber damals war’s Winter. Da ist’s selbst in, vor oder bei Venedig saukalt und Hochbetrieb herrscht auf den Stellplätzen auch nicht wirklich.

Also wollte ich nur eines: Mit in die Stadt! In die Stadt, von der ich ja schon so viel gehört hatte. Und auf die ich richtig neugierig war. Wenn ich wirklich da draußen auf dem Campeggio, so sagen die Italiener zum Campingplatz, stehen bleiben sollte, dann würde ich nicht ein einziges der berühmten Bauwerke sehen. Nicht die Seufzerbrücke, nicht die Rialtobrücke, nicht den Dogenpalast, nicht den Dom am Markusplatz mit seinen Tausenden Tauben, keinen Glockenturm, der Campanile heißt, gar nichts.Kasi 6.6

Also musste ich eine meiner besonderen KfZ-Fähigkeiten ins Spiel bringen. Die kostet zwar sehr viel Streich-Kraft, aber auch als Kobold muss man Entscheidungen treffen. Und in diesem Fall war es klar, wie ich handeln musste. Wie ihr wisst, kann jedes Auto heutzutage per Fernbedienung versperrt und wieder geöffnet werden. Mein Kasi, also Augustus, hat für mich auch einen solchen Autoschlüssel, mit dem er mich per Funk bedienen kann. Wenn er auf diesen drückt, um mein Schloss zu öffnen oder zu versperren, dann entsteht eine unsichtbare Welle zwischen der Fernbedienung und mir.

Und wenn ich genau diesen Bruchteil einer Sekunde erwische, kann meine Koboldseele auf dieser Welle vom Wohnmobil in die Fernbedienung surfen. Denn ihr dürft euch uns Kobolde nicht so wie Menschen vorstellen. Wir sind nicht so gebaut wie Arnold Schwarzenegger oder Barack Obama, wir können verschiedene Gestalten annehmen. Und unsere Streiche in verschiedenen Gestalten spielen. Aber auch hier gibt es eine Einschränkung: Wir können in höchstens drei unterschiedlichen Personen oder Gegenständen erscheinen. Ich lasse mir meine dritte Hülle, in die ich schlüpfen kann, noch offen – man kann ja nie wissen, wofür man eine solche Reserve noch einmal braucht…

Kasi 6.4Als meine Kasis also ausgestiegen waren und Augustus seine Fernbedienung in die Hand nahm, um mich abzusperren, konzentrierte ich mich, um den richtigen Moment ja nicht zu verpassen. Es dauert ja, wie schon erwähnt, nur den Bruchteil einer Sekunde – Augustus‘ Druck auf den Knopf, das Senden der Funkwelle zu meinem Schloss, das bei mir ein eigenartig-angenehmes Kribbeln auslöst, mein Sprung auf diese Welle und das Surfen in die Fernbedienung. Ihr braucht auch jetzt keine Sorgen zu machen, dass ich mich im Autoschlüssel eingeengt fühle. Wie schon gesagt – wir KfZ können in verschiedenen Formen auftreten.

So ganz problemlos ist es aber dann als Autoschlüssel auch nicht. Denn ich kann zwar durch jede Art von Stoff sehen, aber nicht durch Leder oder festen Kunststoff wie etwa Plastik. Wenn Augustus die Fernbedienung also in einen Aktenkoffer oder Lederrucksack steckt, dann ist’s finster für mich! Und gute Sicht habe ich nur, wenn er mich in einer Brusttasche oder seinem vorderen Hosensack aufbewahrt. Steckt er mich in seine Gesäßtasche, dann hab‘ ich nur den Blick nach hinten. Aber das ist mir mit meinem Kasi Gott sei Dank noch nie passiert.

In diesem Fall verwahrte mich Augustus in der linken äußeren Brusttasche seiner schwarzen Daunenjacke, gemeinsam mit seinem Kreditkartenetui. Das hieß: Beste Aussicht nach vorne – einem herrlichen Tag in Venedig stand nichts mehr im Weg!Kasi 6.5

Dachte ich zumindest. Meine Kasis gingen mit mir als blindem Passagier zur Haltestelle des Bootes, das uns direkt zum Dogenpalast bringen sollte. Ich war ein bisschen aufgeregt. Denn – wie soll ich euch das sagen: Ich war ja noch nie auf einem Boot oder Schiff gewesen! Einer der Gründe war, dass Kobolde fürs Zerkugeln nicht schwimmen können, einerlei, in welcher Gestalt sie auftreten. Und hatte keine Ahnung, wie sich das anfühlen würde. Ich war es gewohnt, mit vier Rädern auf der Straße zu rollen, bei Sonne, Wind, Regen, Schnee, Hitze und Kälte. Aber immer festen Boden unter mir zu spüren.

Schon in dem Moment, als Augustus mit mir in der Jackentasche das Boot betrat, wusste ich, dass das nicht mein Ding war. Das schaukelte! Und wie das schaukelte! Ich hörte, wie mein Kasi in unbeholfenem Italienisch fragte, wie lange wir denn unterwegs sein würden. „Quaranta minuti“ antwortete der Mann, der wohl so etwas wie der Schaffner sein musste. 40 Minuten!!! Oh, mein Gott! Wie sollte ich das nur aushalten? Mir war schon jetzt, nach wenigen Sekunden, extrem mulmig zumute.

Kasi 6.2Einzelheiten möchte ich euch ersparen. Die Bootsfahrt war alles andere als vergnüglich. Ich schloss meine Augen, pfiff auf die Aussicht, als die Stadt immer näher kam. Und hoffte, dass die Zeit schnell vergehen möge. Als wir dann vor dem berühmten Dogenpalast ausstiegen, hatte ich nur zwei Gedanken: Wie schön, wieder an Land zu sein. Und: Panik – wir müssen ja abends wieder zurück!

Also spazierten Julchen und Augustus mit mir durch Venedig. Und ich konnte all das sehen, von dem ich schon so viel gehört hatte. Nachdem wir richtig viel gegangen waren (also ich als blinder Passagier ja nicht wirklich…), setzten sich meine Kasis an den sonnigen Tisch eines Cafés direkt am Meer. Was Augustus dazu bewog, seinen Autoschlüssel, also die Fernbedienung, also mich aus seiner Brusttasche zu nehmen und auf die Tischplatte zu legen, das weiß er sicher selber nicht. Aber – er tat es.

Der Kellner brachte zwei Cappuccinos, meine Kasis rührten Zucker in den Milchschaum, nahmen einen Schluck und lehnten sich zurück. Und waren richtig zufrieden. Bis dann die Katastrophe über mich hereinbrach. In Form einer – Möwe! Die nämlich wurde durch den in der Sonne glitzernden Autoschlüssel, also die Fernbedienung, also mich angelockt, setzte sich ganz kurz auf den Tisch, schnappte mit ihrem Schnabel nach mir und flog davon!Kasi 6.1

Mein Herz blieb fast stehen. Dagegen war die Bootsfahrt ja ein Kindergeburtstag gewesen! Das jetzt war der reine Horror. Ich hörte Augustus schreien. Aber er war so klein, wie ich ihn noch nie gesehen hatte. Vor allem: Ich sah ihn von oben – im wahrsten Sinne des Wortes aus der Vogelperspektive! Ich war entführt, gefangen, war eine Geisel dieses schrecklichen Tieres! Und das flog mit mir, hinaus aufs Wasser! Wie sollte ich das überleben? Es war aus mit mir, adieu du wunderbare Welt!

Plötzlich flog die Möwe einen Bogen und machte sich wieder auf in Richtung Kai. Ich sah Augustus wie wild gestikulieren, hören konnte ich ihn nicht, dazu war das Geschrei der Möwen rings um mich viel zu laut. Alle waren offenbar unterwegs zur Kaimauer. Dort hatte gerade ein kleines Fischerboot angelegt und der Fischer warf etwas ins Meer. Es waren Fischabfälle! Offenbar ein Festmahl für Möwen. Meine Entführerin hatte offenbar auch nur diese Köstlichkeit in ihrem kleinen hässlichen Kopf und visierte den Pulk der weißen Vögel an, die dort bereits auf Beutezug waren. Als sie knapp davor war, ging sie in den Sturzflug – und öffnete ihren Schnabel!

Kasi 6.7Ich fiel und fiel und fiel – und schlug auf. Nicht auf der Wasseroberfläche, sondern auf einem Steg, der aufs Meer hinaus gebaut war. Es war wohl das größte Glück meines Koboldlebens. Augustus hatte alles mit verfolgt, lief her und hob mich auf. „So ein unglaubliches Glück“ rief er Julchen zu. „Wir hätten schön blöd ausgeschaut ohne Autoschlüssel.“ Wenn er gewusst hätte…

Langsam ließ mein Schock nach. Ich wurde müde. Und wollte nur noch schlafen. Was soll ich euch sagen? Ich bekam nichts mit von all den weiteren venezianischen Sehenswürdigkeiten. (Alles, was aus Venedig kommt, nennt man nämlich „venezianisch“. Auch wenn venedigerisch oder so ähnlich logischer klingen würde. Logischer schon – aber es wär‘ halt falsch.)

Und auch die Rückfahrt mit dem Boot ging spurlos an mir vorüber. Mein Glück war, dass Augustus beim Aussteigen stolperte und dabei fast gestürzt wäre. So wachte ich wieder auf. Und war putzmunter, als mein Kasi das Wohnmobil per Fernbedienung öffnete. Gleich, wie ich in den Autoschlüssel rein gesurft war, surfte ich nun wieder auf der Funkwelle zurück. Und war so glücklich wie noch niemals zu vor, wieder Kasimir, der rollende Kobold zu sein.

Ci vediamo!

Euer Kasimir

 

 

 

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